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Nachdem wir nun in 9 Tagen erfolgreich durch die Pyrenäen gefahren sind, wollten wir noch das "i-Tüpfelchen" setzen, einen Abstecher in die Provence. Einer der legendären Berge der Tour de France fehlte uns noch in unserer Sammlung - der Mont Ventoux Mit 1912 Metern ragt er einsam in die Höhe und ist schon von weitem zu erkennen. Markenzeichen ist seine kahle Kuppe, die v.a. von den Radrennfahrern gefürchtet ist. Der mörderischen Hitze im Sommer und dem stark vorherrschenden Wind sind die Fahrer auf den letzten 6 Kilometern völlig ausgesetzt. Traurige Berühmtheit erlangte der Mont Ventoux am 13. Juli 1967. Der englische Radprofi Tom Simpson brach kurz vor dem Gipfel völlig erschöpft zusammen und verstarb noch an der Unglücksstelle. Es stellte sich heraus, dass Simpson eine hohe Dosis von Amphetaminen zu sich genommen hatte (ein Denkmal befindet sich kurz vor dem Gipfel).
Nachdem wir mit dem Auto von Biarritz zum Mont Ventoux (Nähe Avignon) gefahren waren, war es aufgrund eines Staues auf der Autobahn bereits fast 19 Uhr, so dass wir unseren Aufstieg in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages legen mussten. So klingelte um 6 Uhr morgens unser Wecker, und um 6:45 Uhr saßen wir auf unserem Rad in Richtung des Schicksalsberges der Tour de France. Ich hatte mir vorgenommen, auf dem 22 km langem Anstieg von Bedoin aus, noch einmal richtig Gas zu geben. Ich drückte den Startknopf auf meiner Pulsuhr (Die kommenden Bilder habe ich alle während der Abfahrt aufgenommen). Die ersten 7 km verlaufen mit bis zu 6 % relativ flach, dennoch waren meine Beine schwer wie Blei. Es steckten ja immerhin 23 Pässe der Pyrenäen in mir, und dann war es gerade mal 7 Uhr morgens, nicht gerade der optimale Zeitpunkt, um sich richtig auszubelasten. Alex ging es nicht anders, uns kamen die 5 % Steigung schon vor wie 10 %! Aber es ist der letzte Berg unserer Tour, die letzten 22 km bergan, und es ist eine Legende. In so einer Situation kann ich mich noch einmal richtig quälen! So versuchten wir auf den ersten 7 km unseren Tritt zu finden und der Wind blies uns bereits hier schon ins Gesicht. Nach "les Bruns" kommt eine scharfe Serpentine - jetzt geht's los! 15 km bis zum Gipfel, und die Straße steigt sofort um die 10 % an. So langsam finde ich meinen Tritt. An Alex gingen die Pyrenäen auch nicht spurlos vorüber, er muss abreißen lassen.
Die Straße schlängelt sich durch den Wald nach oben, meistens um die 10 - 12 % steil, stellenweise bis zu 15 %. Ab und zu wird der Wald etwas lichte, und man hat den Blick frei auf die kahle Kuppe des Mont Ventoux.
Auch um diese Uhrzeit sind bereits Radler unterwegs, einen sehe ich ca. 100 Meter vor mir. Zügig komme ich näher. Mein Tacho zeigt 14 km/h, mein Puls um die 180 Schläge, es ist hart, aber ich habe meinen Tritt gefunden. Ich fliege an ihm vorbei, dies motiviert mich zusätzlich. Meter für Meter komme ich sofort weg, ich heize durch den Wald nach oben. Am Chalet Reynard auf 1405 Metern lichtet sich der Wald. Nun beginnt sie, die rund 6 Kilometer lange berüchtigte, bis
zu 12 % ansteigende Strecke durch die vegetationslose Felswüste, den Gipfel
immer vor Augen.
Unmittelbar nach dem "Chalet Reynard" wird es etwas flacher, um die 5 %. Ich sehe den Gipfel, er ist zum Greifen nah. Ich schalte einen Gang schwerer und beschleunige meine Frequenz. Nach einem Kilometer geht es wieder mit 8 % nach oben. Und jetzt kommt das, was viele Radprofis fürchten: der böige Wind, der dich von der Seite erfasst, und dir die letzten Körner raubt. Meine Beine fangen langsam das Brennen an, aber ich gebe nicht nach, mit hoher Frequenz trete ich in die Pedale.
Ca. 2 km vor dem Gipfel steht auf der rechten Seite das Denkmal für Tom Simpson. Kurz schweifen meine Gedanken in die Vergangenheit...so kurz vor dem Ziel...dann geht mein Blick wieder nach oben, die letzte Kehre, es ist noch einmal 12 % steil.
Ich bin genau unterhalb des Gipfels, noch 100 Meter...es ist geschafft. Ein tiefes Ausatmen und dann drückte ich auf meine Uhr: 1:32 Std. für 22 km! Und das obwohl ich die ersten flacheren 7 Kilometern nicht voll gefahren bin.
Der Wind bläst heftig. Ich ziehe meine Windjacke an, und genieße die Aussicht über die Provence.
Nach ca. 15 Minuten auf dem Gipfel begebe ich mich in die Abfahrt. Ich lass es gemütlich rollen, um auf der Abfahrt ein paar Bilder zu machen. Mittlerweile ist ca. 9 Uhr und auf der Abfahrt kommen mir bereits mindestens 20 Radfahrer entgegen, die diesen Berg ebenfalls bezwingen möchten. Nun gehört auch der "Mont Ventoux" in meine Sammlung.
So langsam bin auch ich froh, die nächsten Tage mal nicht aufs Rad steigen zu müssen. Trotz der Anstrengungen und Qualen, die uns mancher Berg in den letzten 10 Tagen abverlangte, war dieses Erlebnis einmal mehr ein Ereignis in meinem Leben, welches ich nicht vergessen werde. Wer weiß, vielleicht stand ich nicht das letzte Mal auf einem dieser Berge.
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